Interview zur Welturaufführung "Mahl/er/werk" von Nathaniel Stookey


The Young ClassX begeistert mit der Uraufführung von Nathaniel Stookeys „Mahl/er/werk“

Gustav Mahlers 8. Sinfonie, die „Sinfonie der Tausend“, und die Uraufführung von Nathaniel Stookeys „Mahl/er/werk“ bilden den krönenden Abschluss der großen Hamburger Mahler-Jubiläumsreihe.

Christoph Eschenbach wird am Freitag, den 20. Mai um 20.00 Uhr in der Hamburger O2 World Arena die monumentale Aufführung von Gustav Mahlers 8. Sinfonie mit über 500 Mitwirkenden dirigieren. Eröffnet wird der Konzertabend durch Nathaniel Stookeys „Mahl/er/werk“, einer Auftragskomposition des NDR, präsentiert vom NDR Sinfonieorchester und The Young ClassX.

Der 41-jährige Komponist ist eigens aus San Francisco angereist um die Proben und schließlich auch die Welturaufführung in der O2 World Arena mitzuerleben. Dr. Tobias Wollermann, Geschäftsführer von The Young ClassX, hat sich mit ihm nach dem Probenwochenende zum Gespräch getroffen.


TW: Nathaniel, was genau ist denn das "Mahl/er/werk"?

NS: Das Mahl/er/Werk setzt sich aus vielen hundert Einzelteilen zusammen – meist sehr kleinen Fragmenten – die alle aus den Sinfonien Mahlers stammen. Jedes dieser Teile hat originale Gestalt, nichts wurde transponiert, keine Orchestrierung verändert, es sei denn, es wurden Teile weggelassen. Dieses Werk ist eine Hommage an Mahler, und ich möchte vor allem junge Menschen erreichen. Das Stück soll sowohl im wörtlichen als auch im musikalischen Sinne „urban“ klingen. Meine Idee ist es, seine oft sehr modernen Werke wie durch ein Prisma unseres heutigen Lebens zu brechen.

TW: Das bedeutet, dass quasi jede Note aus einem Werk Mahlers stammt?

NS: Ja, das stimmt. Ich habe hunderte Fragmente verarbeitet und daraus ein neues eigenes Werk geschaffen.

TW: Das ist ja Wahnsinn. Wenn ich Dich bitten würde, auf Seite 8 der Partitur im 56. Takt beispielsweise die Trompeten zu betrachten – wüsstest Du dann, aus welchem Werk Mahlers die entsprechende Stelle stammt?

NS: Eigentlich schon, allerdings nicht immer auswendig. Ich habe aber eine Liste, in der ich nachschauen und Dir die entsprechende Stelle sagen kann.

TW: Das hört sich nach ungeheuer viel Arbeit an. Die Idee zu dem gemeinsamen Orchesterprojekt entstand ja bereits vor über einem Jahr. Wie lange hast Du denn an dem Stück gearbeitet?

NS: Ja, der NDR sprach mich vor ca. einem Jahr das erste Mal unverbindlich an. Ich habe dann zunächst viele Mahler Partituren studiert, vieles gehört und gesammelt. In der Zwischenzeit habe ich dann noch an einem weiteren Werk gearbeitet. Als ich den Auftrag dann letztendlich im Herbst bekam, musste es ziemlich schnell gehen. Aber der eigentlichen Kompositionsarbeit ging eine lange Vorbereitungsphase voraus.

TW: Am letzten Samstag hast Du das Stück ja zum allerersten Mal gehört. Was waren Deine Gefühle dabei?

NS: Vor so etwas bin ich immer sehr aufgeregt. Dieses Mal wusste ich allerdings, dass keine Fehler mehr im Stück waren, ihr hattet das Stück ja vorher bereits geprobt. Normalerweise habe ich vor so einem Tag eine schlaflose Nacht, aber dieses Mal konnte ich dadurch etwas entspannter an die Sache herangehen. Aber nichtsdestotrotz ist es sehr aufregend – in etwa so, als würde man ein Bild mit unsichtbarer Farbe malen und es dann plötzlich sichtbar machen.

TW: Am Freitag wird Dein Werk ja vor über 9.500 Menschen uraufgeführt...

NS: Ja, das ist unglaublich und ganz außergewöhnlich. Welcher Komponist kann so etwas schon erleben? Ich bin sehr dankbar, aufgeregt und gespannt!

TW: Wie war denn das Orchester? Konnte es Deine Erwartungen erfüllen oder siehst Du dem Freitag eher angespannt entgegen?

NS: Die Jugendlichen waren großartig! Von Jugendorchestern geht immer eine ganz besondere Energie aus, da sie mit dem, was sie tun, so verbunden sind. Es ist nicht nur einfach ein Job für sie. Hier haben sie ja sogar ihr ganzes Wochenende geopfert um zu proben und das ist ein sehr großer Unterschied zu einem professionellen Orchester. Alle Energie fließt dann in ein solches Projekt – gerade bei einem Jugendorchester, welches wie bei Euch auf einem sehr hohen Niveau spielt.

TW: Nun waren ja auch einige Profis aus dem NDR Sinfonieorchester dabei, die unter anderem im Vorfeld die Stimmproben geleitet haben, aber auch selber im Orchester mitspielen...

NS: Ja, großartig. Das finde ich ganz toll, denn nur so kann quasi der Nachwuchs "großgezogen" werden. Zum Anderen profitieren aber auch die Profis von den Jugendlichen – das Energielevel ist höher und der ganze Prozess ist viel vitaler. Als ich als Composer-in-Residence in Manchester gearbeitet habe, habe ich viele Projekte mit Jugendlichen geleitet. Jedes Mal, wenn ich von einem solchen Projekt nach Hause kam, hat mich das so ungemein für meine eigene Arbeit inspiriert, dass ich total begeistert und motiviert war.

TW: "Music Education" ist inzwischen auch in Deutschland ein Thema, welches immer mehr an Bedeutung gewinnt. The Young ClassX widmet sich auf vielfältige Art und Weise in ganz unterschiedlichen Modulen diesem Thema. Welches waren für Dich die bedeutendsten und wichtigsten Projekte, an denen Du beteiligt warst?

NS: Aus meiner Perspektive waren die besten Projekte immer diejenigen, bei denen aktiv Musik gemacht wurde. Es ist viel besser, Musik selbst zu machen, als sie einfach nur gezeigt oder vorgespielt zu bekommen. Ich habe zum Beispiel Kompositions-Workshops in Schulen durchgeführt, bei denen es gar keine Instrumente gab. Wir haben einfach das genutzt, was sowieso vorhanden war – von der Stimme bis zum Erzeugen unterschiedlicher Geräusche durch beispielsweise Schlagen auf den Tisch oder den Papierkorb. Man glaubt nicht, was sich daraus für tolle und besondere Stücke ergeben können – unglaublich. Bei The Young ClassX wird ja auch sehr viel aktiv Musik gemacht. Das finde ich klasse – das ist meines Erachtens viel wichtiger, als Musik einfach so vorgespielt zu bekommen. Das wichtigste ist, Musik zu erleben!

TW: The Young ClassX ist eine Initiative der Otto Group und des Ensembles Salut Salon – hast du schon einmal von der Otto Group gehört?

NS: Nein – bis heute noch nicht. Aber die Otto Group scheint ein sehr großes Unternehmen zu sein. Was Du mir erzählt hast, klingt wirklich interessant! Ich finde es toll, dass sich ein Unternehmen so im kulturellen und sozialen Bereich engagiert. Das ist meines Wissens nach in Deutschland und auch in Europa in einem solchen Rahmen eher außergewöhnlich – in den USA ist das ja eher normal – da wird fast alles privat oder durch das Engagement von Wirtschaftsunternehmen finanziert, vom Staat bzw. von der Regierung kommt da eigentlich kaum etwas.

TW: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Hast Du eigentlich selbst Kinder?

NS: Ja, ich habe einen zehnjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter.

TW: Spielen sie auch ein Instrument? Macht ihr gemeinsam Musik?

NS: Ja, sie spielen beide Violine. Ich habe selbst Violine gespielt und das haben sie von klein auf miterlebt. Bei uns im Haus gibt es ganz viele Violinen in unterschiedlichen Größen von klein bis groß, daher lag das ja sehr nahe. Mein Sohn spielt auch Klavier und möchte jetzt mit dem Saxophon anfangen. Wir spielen auch oft zusammen – ganz verschiedene Sachen von Klassik bis Pop. Egal was – Hauptsache gute Musik!

TW: Vielen Dank für das Gespräch.

(Foto: © NDR / Marcus Krüger)

Bald_button_blue

Die nächsten Konzerte & Events von The Young ClassX

Zur Zeit sind keine Konzerte angekündigt

Alle Veranstaltungen

Presseinformationen

zu diesen und kommenden Konzerten und Events von The Young ClassX gibt’s hier.

Gutenoten_green_s2